|
Bleiben Sie auf dem Laufenden:
|
||
| // Management + Wirtschaft // |
|
||
|
Chemie 2007: Die Macht der Ressourcen
Rund 130 Teilnehmer diskutierten zur 8. Handelsblatt Jahrestagung "Chemie 2007" mit prominenten Vertretern der Chemie- und Pharma-Branche über die Herausforderungen des laufenden Jahres, die nahe Zukunft, die technologische Entwicklung, das Absatzpotenzial, die globalen Einflüsse sowie den Einfluss von Investoren. Innovationen und Spezialchemie sind gefragt, Investitionen in Forschung und Entwicklung eine Notwendigkeit. Die Biotechnologie und die Erzeugung von Bio-Kraftstoffen sind dabei zwei wichtige Entwicklungen, bei der sich die Branche möglichst durch ein kapitalmarkt-orientiertes Finanzsystem in eine gute Position bringen will. Den Kapitalmarkt im Visier Einer Studie der Investmentbank Goldman Sachs zufolge gewinnt der Kapitalmarkt in Deutschland immer stärkere Bedeutung für die Finanzierung von Unternehmen aller Größen und auch der Einfluss der Finanzinvestoren auf die Chemie- und Pharmabranche wächst. "Damit werden Profitabilität und Risikobereitschaft der Unternehmen zunehmen", erklärte Dr. Dirk Schumacher, Chefvolkswirt Deutschland bei Goldman Sachs und Autor der Studie.
Der Kapitalmarkt, vertreten durch Institutionelle Investoren, Hedge Fonds und Private Equity sei an die Stelle
der Banken getreten. Dank eines starken öffentlichen Bankensystems stand bei einer Kreditvergabe die
Rentabilität nicht an erster Stelle. Das habe sich geändert: Banken haben höhere Anforderungen
und verlangten höhere Zinsen. Das Volumen von Venture Capital und Private Equity sei laut
dem Bundesverband Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVK) bis 2005 auf 60 Milliarden Euro angewachsen,
erklärte Schumacher. Man habe einen Punkt erreicht, wo die Profitabilität des Unternehmens so
hoch sei, dass sich die Kreditvergabe wieder als Hauptfinanzierungsquelle lohne, führte Schumacher aus.
Trotzdem sei der Kapitalmarkt in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen
Ländern noch unterentwickelt, ein Wandel hin zum kapitalmarkt-orientierten Finanzsystem sei in Deutschland jedoch spürbar. Private Equity in der Chemie-Branche Über den Einfluss von Private Equity Investoren auf die Unternehmensführung sprach Dr. Gerold Linzbach aus eigener Erfahrung. Der Vorstandsvorsitzende der Symrise AG stellte fest: "Das Bild der Heuschrecke ist übervereinfacht. Private-Equity-Investoren sind aber auch keine Supermänner." Private Equity-Investoren gehen von einer klaren Rollenverteilung aus und sind aktiv in der Führung und Incentivierung der Führungsmannschaft beteiligt, so der Symrise-CEO. Hier werde bei Personalfragen auch schnell entschieden, stellte Linzbach fest. Gesucht würden Führungspersönlichkeiten und nicht Manager. Erstere zeichnen sich durch den Mut zur Lücke aus: Sie müssen vereinfachen können und den Mitarbeiter klar machen, worauf es für die Firma ankommt. "Wir haben in gerade mal 12 Monaten unseren Geschäftsbereich um fünf Prozent ausgebaut und in einem Jahr die Liste der Top-Kunden von 12 auf 17 Prozent gesteigert", bilanzierte Linzbach das Private Equity-Engagement. Weiterhin wurde der Umsatz pro Mitarbeiter in nur vier Monaten um 30 Prozent gesteigert und die Symrise Aktie stieg seit dem IPO um über 12 Prozent. Spezialchemie und Innovationen sind gefragt
Thomas Rings, Vice President von A.T. Kearney, sieht Indien und China als
wachsende Massen-Konsumenten-märkte, die deutlich andere Anforderungen haben als europäische Märkte. Um hier im Wettbewerb bestehen zu können, sind vor allem Innovationen und ein breit gefächertes Produktportfolio gefordert. Denn High Performance Kunststoffe, die hier in der C- oder A-Klasse verarbeitet werden, könne man in China beispielsweise nicht vertreiben. Weiter sei es wichtig, die End-Kunden zu kennen. Die Komplexität werde deutlich zunehmen und Innovationen in der Spezialchemie werden an Bedeutung gewinnen, betonte Rings. Boy Litjens, CEO von Sabic Europe, erläuterte die Wachstumsstrategien von Sabic Europe und stellte dar: "You have to go where the growth is!" Auch er sieht Wachstumspotenzial im Mittleren Osten und meint wie Rings, dass ein globales Supply Chain Management wichtig sei, um Kosten zu reduzieren. In Europa seien 15 bis 20 Prozent Marktführer, aber mehr als 40 Prozent seien Followers. Sabic Europe will bis 2012 Europe der stärkste Player in Europa sein. Erreicht werden soll dies durch eine Kombination von Low Cost- Strategie mit Kundenzufriedenheit und einem reduziertem Business Modell. DuPont verfolge die "A man and a dog strategy": Das bedeute, ein minimaler Einsatz der Ressourcen, um maximale Ergebnisse zu erzielen, erklärte DuPont-President Ian Hudson auf der Handelsblatt-Jahrestagung. Investitionen in die Forschung, die Schaffung eines globalen Konzerns sowie die Konzentration auf Wachstumsmärkte seien wichtige Erfolgsstrategien, führt Hudson aus. Weiter schöpfe man regionale Ressourcen und Märkte aus, bediene gesellschaftliche Bedürfnisse und versuche, globale Strategien in regionale Märkte zu integrieren. Stephen R. Clark erläuterte, wie ein weltweit tätiger chemischer Distributeur dazu beitragen könne, Verkaufszahlen und Profit zu steigern. Chemie-Produzenten könnten ihr Rohmaterial-Inventar um bis zu 50 Prozent reduzieren und mit Hilfe eines globalen Distributeurs auf die weltweit günstigen Ressourcen zurückgreifen, führte der Brenntag-CEO aus. Weiter würden Unternehmen durch die Ausgliederung der Chemie-Distribution acht Prozent Materialkosten sparen. Die Zukunft liegt im Biokraftsstoff Kurt Döhmel, Deutschland-Chef des Mineralölkonzerns Shell, griff die Debatte um die zukünftige Kraftstoffversorgung auf. Biokraftstoffe sind für Döhmel die Kraftstoffe der Zukunft, da sie einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen CO2-Emmission leisten. Vorteile sieht er besonders bei den Biokraftstoffen der 2. Generation (Biomass to liquid = BTL - Verfahren), da nicht wie bei der 1. Generation die Frucht zur Kraftstoffherstellung verwendet werde, sondern das Stroh der Pflanze. Somit stünden diese nicht im Wettbewerb mit Nahrungsketten und ermöglichten eine hohe CO2-Reduzierung. Ein Nachteil der Anlagen des BTL-Verfahren sei allerdings der Transport großer Mengen von Biomassen zum Standort der jeweiligen Anlagen.
Erste Erfahrungen zur Biokraftstoffherstellung im BTL-Verfahren mache Shell derzeit
in Sachsen. Geplant sei 250.000 bis 300.000 Tonnen Biodiesel im Jahr herzustellen.
Mit dem BTL- Verfahren könne man den CO2-Ausstoß bis zu 90 Prozent reduzieren, stellte Döhmel klar und forderte klare politische Rahmenbedingung, um Investitionen in Biomasse-Verfahren tätigen zu können. Die Deutsche Bundesregierung habe durchgesetzt, dass bis 2015 Biodiesel von der Mineralölsteuer befreit sei. Shell sei für die Zeit nach 2015 bereits in Gesprächen mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel und Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer. Die Bauernlobby sei bestrebt, dass Biodiesel ganz von der Mineralölsteuer befreit werde. Shell sei weiterhin in Gesprächen mit der Automobil-Industrie. Eine Zusammenarbeit von Regierung, Automobilindustrie und Energieunternehmen sei unabdingbar, um die ehrgeizigen Ziele zu verwirklichen. Die Verbraucher befürworteten zwar Biokraftstoffe, seien aber nicht bereit, einen Aufpreis zu zahlen. Daher müssten Marktanreize für Alternativkraftstoffe gefunden werden. Die derzeitige Subvention für die Bioethanolproduktion der 1. Generation hält Döhmel für falsch, da es hier - anders als bei den Biokraftstoffen der 2. Generation - zur Verteuerung der Lebensmittel und zu einem in der Gesamtbilanz erhöhten CO2-Ausstoß komme. Compliance Management wichtiger denn je Prof. Dr. Thomas Klindt, Nörr Stiefenhofer Lutz, appellierte an das Plenum sich des Themas Compliance Management anzunehmen. Compliance Management sei eine notwendige, hochkomplexe und eine 24-Stunden-Aufgabe, die aber auch Haftungsminimierung bedeute. Eindringlich riet Klindt dazu, das Thema Korruption hausintern auf der Agenda zu haben und auch zu klären. Auch müsse sich im Compliance Management die Cross-Border-Tätigkeit widerspiegeln, betonte der Fachanwalt für Verwaltungsrecht. Zu klären sei zudem, ob man sich auf eine von außen festgelegte Legalität oder auf eine intern bestimmte Legalität verpflichte. Eine interne Selbstverpflichtung müsse aber auf ihre Gültigkeit im globalen Kontext geprüft werden. Klindt fordert weiter, eine gewisse Compliance im Unternehmen schriftlich zu dokumentieren. Ferner sei es wichtig, Konsequenzen bei Verstößen gegen interne Compliance festzulegen und zu ahnden. Weiße Biotechnologie als Schlüsseltechnologie "Die großen Innovationen kommen nicht mehr aus der reinen Chemie selbst, sondern werden an den Schnittstellen zu anderen Industrien geschaffen, zum Beispiel in der Nanotechnologie, der Kombination von Chemie und Physik", erklärte Dr. Alfred Oberholz, Stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsführung bei Degussa und sagte weiter: "Wir müssen mehr in F&E stecken, sonst werden wir gegenüber den Emerging Countries verlieren." Mit SusChem (Sustainable Chemistry), einer EU-Initiative, stellte er ein Forschungsprojekt der europäischen Chemieindustrie vor, in dem industrielle Biotechnologie, materielle Technologie (Nanotechnologie) sowie Reaktions- und Prozessdesign (Prozessintensivierung = Umdenken im Apparatebau) erforscht werden. SusChem hat die weiße Biotechnologie als eine von drei zukunftsichernden Technologieplattformen identifiziert und treibt ihre weitere Entwicklung voran. "Die weiße Biotechnologie ist die Technologie der Zukunft, mit der man innovative, umweltfreundliche Produkte herstellen kann", stellte Oberholz fest. Das nächste Projekt der Degussa sei die industrielle Biotechnologie. Hier wurde bereits ein Forschungscluster mit verschiedenen Universitäten und KMUs gebildet. Analog zur Intergration der F&E-Aktivitäten entlang der Wertschöpfungskette müssten auch neue Pricingmodelle für Chemikalien gefunden werden. Nanopulver z.B., die nur in winzigsten Mengen eingesetzt werden, aber zur enormen Performance-Steigerung des Endproduktes beitrügen, könnten nicht mehr nach der gängigen Preis-pro-Kilo-Formel abgerechnet werden. Denkbar sei hier die prozentuale Beteiligung des Chemikalien-Herstellers am Gewinn des Kunden. Bisher tue sich die Chemie aber noch schwer, dieses System der Entgeltung zu etablieren, stellte Oberholz fest. Deutschland als erfolgreicher Standort Deutschland ist der Chemie-Exportweltmeister und bleibe auch aufgrund des Know-hows und der sehr guten Infrastruktur weiterhin ein erfolgreicher Standort für die moderne Chemie, ist Dr. Axel C. Heitmann überzeugt. Der Lanxess-Chef sieht gute Chancen für die deutsche Chemie durch Gewährleistung wettbewerbsfähiger Bedingungen und der gezielten Förderungen von Innovationen und Zukunftstechnologien. Die Wachstumsmärkte für die Chemie seien Asien und Indien und müssten als Chance für Europa und Deutschland gesehen werden. Die deutsche Chemie sei in den Weltmärkten hervorragend aufgestellt und habe überproportional vom Aufstieg Chinas profitiert. Nun aber drängten auch ausländische Unternehmen, zum Beispiel indische, auf den deutschen Markt. Diesen neuen Wettbewerbern gegenüber könne man nur durch Schnelligkeit und Flexibilität erfolgreich begegnen: "Der Abbau von Bürokratie und Kontrollsucht, ist einer der größten Erfolgsgaranten für die deutsche Chemie. Nicht der Abbau von Arbeitsplätzen", so Heitmann.
Lobende Worte für die chemische Industrie fand auch Hartmut Schauerte, der
Parlamentarische Staatssekretär im Wirtschaftsministerium: "In keinem anderen
Land wird Chemie besser organisiert als in Deutschland." Im globalen Kontext müsse
man der Chemie in Deutschland die Chancen geben, die sie benötige. "Ideologisch
abrüsten und praktisch aufrüsten", sagte Schauerte und forderte eine drastische
Erhöhung der Anstrengungen in den Bereichen Technologie, Forschung und
Innovation. "Wir müssen die Forschung unterstützen, damit sie schneller marktfähige
Produkte entwickelt." Um das zu fördern, wurde eine zusätzliche Prämie in Höhe von
25 Prozent zusätzlich zur Forschungsförderung durchgesetzt. Weiter will Schauerte
die Bürokratiekosten in Deutschland von jährlich 70 bis 80 Milliarden Euro drastisch
reduzieren und die Erbschaftssteuer komplett abschaffen, wenn das Unternehmen
weiter geführt werde.Schauerte stimmte Heitmanns Ausführungen zur notwendigen Flexibilität zu, merkte aber an, dass die Langsamkeit in Deutschland auch durch das föderale System begründet sei, das schnelle Entscheidungen oft verhindere. Des Weiteren seien in einer großen Koalition eben nicht alle Dinge umsetzbar, wie zum Beispiel die Flexibilisierung des Arbeitsrechtes. Darüber hinaus appellierte er an die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen, denn "Personen, die Verantwortung tragen, brauchen keine bürokratischen Leitplanken bis zum Ziel". Aber dort wo sich, z.B. aus Angst vor Haftungsfolgen, niemand engagiere, müsse der Staat diese Angst nehmen und dies eben oft mit Regeln und bürokratischen Bestimmungen. Zum Thema Energie und Rohstoffsicherheit stellte Schauerte in der Diskussion unmissverständlich fest: "Der pädagogische Ansatz der staatlichen Energiepreisbildung muss vorbei sein, denn Energiepreise sind für die Industrie ein eminenter Wettbewerbsfaktor." Prof. Dr. Herrmann, Präsident der TU München, warb für die unternehmerische Universität: "Die TU setzt auf Wirtschaftlichkeit, denn das ist unser Unternehmensziel", stellte er unmissverständlich fest. Denn hinsichtlich des steigenden internationalen Wettbewerbs auch um die besten akademischen Köpfe müsse jedem, "der sich in unserem bürokratischem Hochschulsystem wohnlich eingerichtet habe, klar sein, dass wir so im Wettbewerb nicht bestehen können". Die Hochschule von heute müsse professionell geführt werden. Dazu gehöre wie an der TU München auch die Einführung von Studiengebühren, die die Studierenden von Leistungsempfängern zu Kunden aufwerte, sowie die Integration eines Gymnasiums auf dem Uni-Campus. Auch die Vorwärtsintegration werde mit dem Bau des Institute of Advanced Studies, dessen Spatenstich September 2007 erfolge, und das vom BMW mit zehn Millionen Euro finanziert werde, gewährleistet.
|
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
|
|||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
© Der Marketing-Marktplatz |