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Öko-Marketing

TEIL 1: Definition und Einsatz der Marketing-Instrumente

Auf der Konzeptionsebene des Marketing-Mix spielen zunehmend neuere umfassendere Marketingansätze eine bedeutende Rolle. Kennzeichen dieser Ansätze ist, dass sie jenseits instrumentaler Trends liegen und zum Teil Schwerpunktverlagerungen in der Unternehmensstrategie beabsichtigen. Damit beeinflussen sie grundsätzlich alle Marketing-Instrumente. Die drei wichtigsten neueren und komplexeren Marketingansätze sind:

Begriff
Unter Öko-Marketing ist die ganzheitliche Ausrichtung des Marketing- und Unternehmenskonzepts (Ziele, Strategien, Mix =konzeptionelle Kette) unter ökologischen Aspekten bzw. Notwendigkeiten und Möglichkeiten zu verstehen.

Es knüpft an der gesellschaftlichen Verantwortung der Unternehmen bzw. des unternehmerischen Wirtschaftens an. Es geht insgesamt darum, im Rahmen unternehmerischen Handelns Belastungen für die Umwelt zu vermeiden oder wenigstens zu vermindern, um die natürlichen Lebensgrundlagen von Menschen, Tieren und Pflanzen zu erhalten oder noch zu verbessern sowie alternative, umweltbewusste Lebensführung von Konsumenten aufzugreifen und mit entsprechenden Marketingkonzeptionen zu fördern. (Quellen: Belz, Kirchgeorg, Hopfenbeck, Wagner und Meffert/Kirchgeorg).


M-M
Redaktion
Voraussetzung ist das Unternehmensleitbild
Eine ökologische bzw. umweltorientierte Marketing- und Unternehmenspolitik setzt zunächst ein adäquates Unternehmensleitbild voraus, das bei der Formulierung von Marketing- und Unternehmenszielen die Umwelterfordernisse angemessen berücksichtigt (vgl. allgemeine Wertvorstellung - Basic Beliefs)

Das Öko-Marketing kann in dieser Hinsicht auch als Vertiefung (Deepening) der marktorientierten Unternehmensführung (Marketing als Führungsphilosophie) verstanden werden, bei der neben abnehmer- und wettbewerbsorientierten Zielen solche ökologischer und gesellschaftlicher (ethischer) Art berücksichtigt werden.

Unternehmen realisieren anderseits immer stärker, dass die Wahrnehmung konkreter ökologischer Verantwortung nicht nur der Förderung ihres Ansehens in der Öffentlichkeit, sondern auch legitimen Umsatz- und Ertragszielen (und damit der Oberzielrealisierung) dient (nach Schulz/Schulz und Fritz).

Ökologischer Rahmen
Wie breit der ökologische Rahmen insgesamt gesteckt werden kann, zeigt die frühere EWG-Verordnung im Zusammenhang mit der Vergabe eines europäischen Umweltzeichens, die durch die EU-Verordnung teilweise ersetzt und durch das Öko-Audit nun im Frühjahr 2001 eine Novellierung erfährt. Dieser Rahmen reicht von der Produktionsvorstufe bis zur Entsorgung ("Von der Wiege bis zur Bahre").

Die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Einflussgrössen umweltorientierter Unternehmensführung sind sehr komplex, was die Bestimmung und Beurteilung der unternehmensrelevanten Faktoren für ein umweltorientiertes Unternehmenskonzept insgesamt schwierig macht. Der Bewertungsprozess ist dabei - zwangsläufig - nicht frei von subjektiven Beurteilungen etwa des Managements.

Beurteilung der Marktchancen
Als ein wichtiges Kriterium für die (objektive) Beurteilung der Marktchancen, die mit einer umweltorientierten Marketing- und Unternehmenspolitik wahrgenommen werden können, ist die umweltbezogene Sensibilität von Absatzmittlern und Endabnehmern anzusehen (nach Steger und Macharzina).
Ein vergleichsweise einfaches Instrument zur Analyse dieses Basiskriteriums ist die entsprechende Aufschlüsselung möglicher Marktreaktionen in einer sog. Markt-Umwelt-Reaktionsmatrix:

Bild Reaktionsmatrix

Die Matrix zeigt, dass proaktives umweltorientiertes Handeln speziell in Hinblick auf unsensible Abnehmerverhaltensweisen marktwirtschaftlich problematisch sein kann. Umgekehrt ist bei entsprechenden Maßnahmen für sensible Abnehmer mit durchweg positiven Marktreaktionen zu rechnen (= Problem des Auseinanderfallens von kollektiver und individueller Rationalität (nach Macharzina und Steger).

Strategische Bezüge
Im Sinne der gesamtkonzeptionellen Konsequenzen gilt es, auch die strategischen Bezüge zu berücksichtigen. Je nach strategischem Grundkonzept (z.B. auf der zweiten strategischen Ebene: Marktstimulierungsstrategien) sind umweltorientierte Ansätze bzw. Aktivitäten unterschiedlich zu bewerten. So sind etwa kostensteigernde Umweltschutzmaßnahmen für solche Unternehmen problematisch, die eine konsequente Preis-Mengen-Strategie verfolgen, und erhöhten Kostenaufwand nicht in den Abgabepreisen weitergeben können. Unternehmen, die dagegen eine Präferenzstrategie als strategisches Basiskonzept wählen, können jedenfalls aufgrund ihrer Markenpräferenz bzw. aufgrund des monopolistischen Preisspielraums, den sie realisieren können, umweltspezifische Kostenerhöhungen in ihrer Kalkulation eher "verkraften" bzw. gegebenenfalls an die Abnehmer weitergeben.

Was offensive - d.h. über gesetzliche Vorschriften und behördliche Auflagen hinausgehende - strategische Ansätze zur umweltorientierten Marketingpolitik betrifft, so bieten sich demnach für preis-mengen-strategisch operierende Unternehmen primär Rationalisierungsmaßnahmen an, um z.B. im Bereich Energie-, Wasser-, Rohstoff- und/oder Abfallkosten (Kosten-)Reserven auszuschöpfen. Die Hauptstoßrichtung bezieht sich hier vor allem auf Prozessinnovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um über Kostenvorsprünge Preis- und damit Wettbewerbsvorteile speziell in (noch) umweltunsensiblen Märkten zu realisieren.
Bei präferenztstrategischen Konzepten liegt der Schwerpunkt demgegenüber auf qualitätsorientierten, umweltschonend hergestellten wie zu nutzenden Produktinnovationen, die auch eine entspechende Preisstellung am Markt rechtfertigen. Das ist umso eher möglich, je mehr auch unter ökologie-orientierten Gesichtspunkten Differenzierungen gegenüber Konkurrenzprodukten gelingen (z.B. Öko-Innovationen, wie etwa energiesparende Elektrogeräte über Branchenstandard).

Einsatz der Marketing-Instrumente
Im Sinne des umfassenden Ansatzes Öko-Marketing sollte auch auf grundlegende instrumentale Einsatzformen und Ausprägungen eingegangen werden:

Produktpolitik

Im Rahmen der Angebotspolitik ist ein zentraler Anknüpfungspunkt eines ökologieorientierten Marketing zunächst die Produkt- und Programmpolitik. Ökologiegerichtete Produkt- und Programmpolitik ist sowohl auf die umweltfreundliche Herstellung der Produkte, ihre umweltfreundliche Nutzung (speziell bei Gebrauchsgütern) wie auch auf ihre umweltfreundliche Entsorgung gerichtet (= Gestaltung geschlossener Stoffkreisläufe, zu den Implikationen dieses Ansatzes für das Marketing).
(nach Kirchgeorg)

Einzubeziehen ist dabei nicht nur der Produktkern, sondern auch das Produktdesign ("Ökodesign" = Verwendung und Nutzung umweltfreundlicher Stoffe für eine neue Ökoästhetik) sowie die Verpackung, und zwar sowohl die primäre Verpackung für den Endverbraucher als auch die sekundäre Verpackung entlang der Absatz- bzw. Logistikkette (u.a. Anforderungen des Dualen Entsorgungssystems in Verbindung mit der Verpackungsverordnung). (nach Bunk)
Preispolitik

Was die Preispolitik betrifft, so ist zunächst relevant, ob umwelt-orientierte Produkte zusätzliche Kosten verursachen und inwieweit diese Kosten an die Endverbraucher weitergegeben werden können. Dabei ist an der umweltorientierten Preisbereitschaft der Abnehmer anzuknüpfen. Ursprünglich zeichnete sich eine breite Bereitschaft ab, für umweltgerechte Produkte auch höhere Preise zu akzeptieren. Diese Bereitschaft hat eher wieder abgenommen, nicht zuletzt vor dem Hintergrund gesamtwirtschaftlicher Probleme wie hohe Arbeitslosigkeit, Dauerrezession und ihren ökonomischen bzw. kaufkraftbezogenen Auswirkungen. Anstelle von Preisabschöpfungsstrategien (Skimming-Strategien) bei umweltorientierten Produktinnovationen sind deshalb ggf. auch Durchsetzungspreisstrategien (Penetrations-Strategien) angemessen, die über einen eher niedrigen Preis eine hohe Durchsetzung im Markt anstreben und über hohe Absatzmengen bzw. Marktanteile dann entsprechende Kostenvorteile realisieren, vergleichsweise durch Erfahrungskurven-Konzept bzw. PIMS-Programm.

Für breitere Programme kommen im übrigen auch Ansätze der Mischkalkulation in Betracht, wie es z.B. Henkel seinerzeit mit der Einführung des ersten phosphatfreien Waschmittels realisiert hat. Besondere Probleme bzw. Konsequenzen für die Preispolitik ergeben sich vor allem bei der Schaffung geschlossener Stoffkreisläufe, (nach Kirchgeorg).
Distributionspolitik

Im Rahmen der Distributionspolitik ist sowohl die akquisitorische als auch die physische Distribution tangiert. Bei der akquisitorischen Distribution geht es vor allem darum, die adäquaten Absatzkanäle für den Absatz umweltorientierter Produkte (Leistungen) zu finden und ggf. auch Schwerpunkte in der Gestaltung der Absatzwege zu bilden, z.B. unter besonderer Berücksichtigung spezifischer Beratungs- und Kundendienstleistungen. Stark betroffen ist darüber hinaus die physische Distribution (nach Ihde/Dutz/Sieglitz). Hierbei geht es vor allem um die Gestaltung umweltfreundlicher Transport- und Auslieferungssysteme. Einen besonderen Stellenwert hat außerdem die Gestaltung adäquater Rückführungskanäle für gebrauchte, zu entsorgende Produkte erhalten (Redistribution). Hierbei sind je nach Produktart bzw.-komplexität jeweils spezifische Systeme zu entwickeln (vgl. etwa bei Automobilen, Unterhaltungselektronik, Computern usw.).

Neben einer Umweltorientierung der Angebots- und Distributionspolitik gilt es auch, im Rahmen eines systematischen, konsequenten Öko-Marketing die Möglichkeiten der Kommunikationspolitik zu nutzen.
Kommunikationspolitik

Ihr kommt generell die Aufgabe zu, realisierte Umweltvorteile herauszustellen und die Kompetenz des Unternehmens für umweltorientierte Marketing- und Unternehmenskonzepte aufzubauen. Hierfür ist zunächst einmal - ggf. zielgruppendifferenziert - Mediawerbung einzusetzen. Hierzu gehört auch die Herausstellung von Umweltzeichen. Neben der Werbung in Massenmedien, die sich in erster Linie an Endverbraucher richtet (sog. Sprungwerbung), sind die warenbegleitenden Aktivierungsmöglichkeiten der Verkaufsförderung zu nutzen, um vor allem am Ort des Verkaufs (Point of Sale, POS) umweltfreundliche Leistungen herauszustellen bzw. die von der Werbung vermittelten Öko-Botschaften zu (re)aktivieren. Bei enger abgegrenzten ökologieorientierten Zielgruppen kann auch der Einsatz von Direktwerbemaßnahmen sinnvoll sein, gestützt durch eine entsprechende Adressendatenbank (Database-Marketing).

Neben der produktorientierten Werbung und Verkaufsförderung gilt es auch, Umweltthemen und Umweltleistungen des Unternehmens zum Gegenstand von Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit) zu machen. Hierbei ist es vielfach sinnvoll, wenn nicht notwendig, die Anliegen und Interessen der einzelnen "Teil-Öffentlichkeiten" wie Endverbraucher, Absatzmittler, Lieferanten, Kapitalgeber oder auch das lokale Umfeld ("Standort-PR")usw.) zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang sind ggf. Möglichkeiten eines Umwelt-Sponsoring zu prüfen, z.B. Ausschreibung von eigenen Umweltpreisen oder Unterstützung von Umweltprojekten (nach Bruhn).

Mit diesen Darlegungen ist deutlich geworden, dass ein konsequentes Öko-Marketing im Prinzip an allen Instrumentalbereichen bzw. allen Basisinstrumenten des Marketing anknüpfen muss. Nur so kann eine ökologie-orientierte Marketing- und Unternehmenspolitik konsequent gestaltet und im Markt verankert werden. Es geht mit anderen Worten um einen konsequenten ökologie-orientierten Marketingmix.


Anmerkung der Redaktion:
Lesen Sie weiter zu diesem Themenbereich in unserem Teil 2:
Marketing-Mix im Öko-Marketing und Fallbeispiele.



Quellen: Buch: "Marketing-Konzeption",
Autor: Prof. Dr. Jochen Becker,
Verlag Franz Vahlen, München;

weitere Quellen:
Ch. Belz,(1990) "Suchfelder für Marketingerfolge: Bestandsaufnahme und Praxisbeispiele" in Jahrbuch fü:r Absatz- und Verbrauchsforschung 2/1990
M. Kirchgeorg, (1995b): "Öko-Marketing" in Tietz, B.; Köhler R.; Zentes, J. (Hersg.): "Handwörterbuch des Marketing", 2. Aufl., Stuttgart 1995
W.Hopfenbeck, (1990): "Umweltorientiertes Management und Marketing", Landsberg 1990
G.R. Wagner (Hrsg.), (1990): "Unternehmung und ökologische Umwelt", München 1990
H. Meffert, M. Kirchgeorg (1992): "Marktorientiertes Umweltmanagement", Stuttgart 1992
E. Schulz, W. Schulz (1994), "Ökomanagement", München 1994
W. Fritz, (1995), "Umweltschutz und Unternehmenserfolg" in Die Betriebswirtschaft 3/1995
U. Steger, (1988), "Umweltmanagement. Erfahrungen und Fundamente einer umweltorientierten Unternehmensstrategie" Frankfurt-Wiesbaden 1988
M. Bruhn, (1992), "Integration des Umweltschutzes in den Funktionsbereich Marketing" in U. Steger (Hrsg.), "Handbuch des Umweltmanagements" München 1992
L. Wicke, (1992), "Der Umweltschutz als Herausforderung und Chance für den Markenartikel" in Dichtl, E;Eggers,W. (Hrsg.), "Marke und Markenartikel als Instrumente des Wettbewerbs", München 1992
W. Hopfenbeck, (1997), "Allgemeine Betriebswirtschafts- und Mangagementlehre", 11. Aufl., Landsberg 1997
M. Kirchgeorg, (1995a), "Kreislaufwirtschaft - Neue Herausforderungen für das Marketing" in Marketing ZFP, 4/1995
B. Bunk, (1993), "Ökoästhetik. Neue Chancen für Differenzierer" in Absatzwirtschaft 7/1993
G.B. Ihde; E. Dutz; A. Stieglitz (1994) "Möglichkeiten und Probleme einer umweltorientierten Konsumgüterdistribution" in Marketing ZFP 3/1994
M. Bruhn, (1990), "Sozio- und Umweltsponsoring", München 1990
H. Meffert, (1994b), "Marketing-Management. Analyse - Strategie - Implementierung", Wiesbaden 1994
 
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